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Susi

Wie viel Sicherheit ist mir persönlich wichtig? - Reportage

Mit welchem Risikoschutz sich jemand wohlfühlt, hängt erst mal von der individuellen Lebenssituation ab: Ein Student am Beginn seines Studiums etwa hat eben einen vollkommen anderen Bedarf als ein Familienvater mit Eigenheim oder ein Ehepaar im Ruhestand. Aber es kommt noch etwas Bedeutendes hinzu: das persönliche Risikoempfinden. Wie verschieden die Menschen und ihre Lebensmodelle mitunter sind, zeigt unser Porträt der ungleichen Brüder Simon und Benjamin A.

Begegnet man den Geschwistern das erste Mal, hat man gleich das Gefühl, zwei Klischees gegenüberzustehen: Auf der einen Seite Simon A., treu sorgender Familienvater (40), der in Berlin als Arzt ein bürgerliches Leben führt – der Sicherheitstyp, der für alle Eventualitäten vorsorgt. Auf der anderen Seite sein Bruder Benjamin (35), braun gebrannt, Strubbelfrisur: ein Mensch, der eher in den Tag hinein lebt und für den solide Lebensplanung nicht unbedingt das wichtigste Thema ist. Die zu erwartende Missbilligung der ungleichen Brüder für das Leben des anderen meint man förmlich zu hören: 

Mach dich mal locker, Simon. Tu auch mal, wozu du gerade Lust hast. Man lebt nur einmal. Werde endlich vernünftig, Benni, denk an die Zukunft. Wie und wovon willst du in 20 Jahren leben?

Der eine ist Chirurg, der andere Drachensurfer

Simon A. ist Vater dreier Kinder und hat als Plastischer Chirurg eine eigene Praxis in Berlin. Sein Bruder Benjamin nimmt das Leben leicht: Als leidenschaftlicher Drachensurfer reist er auf der Suche nach der perfekten Welle immer dahin, wo die Brandung am höchsten und die Sonne am wärmsten ist. Ansonsten hält er sich durch Gelegenheitsjobs über Wasser. Sein Leben dreht sich um das Brett, das für ihn die Welt bedeutet. Von gegenseitiger Missbilligung, wie oben ausgemalt, ist keine Spur. „Für mich ist bewundernswert“, sagt Simon A., „wie sich Benni von den gesellschaftlichen Konventionen frei gemacht hat und sich konsequent den Dingen widmet, die ihm Freude machen.“

Bruder Benjamin stimmt in die Harmonie ein: „Ich finde es toll, wenn Leute damit glücklich sind, ihren Job zu machen und eine Familie zu gründen. Ich liebe meine kleinen Nichten über alles. Aber für mich wäre das im Moment nichts – kann ja noch werden.“ So innig ist die Geschwisterliebe, dass, wenn überhaupt, nur nach längerer Zeit leise Missklänge zu hören sind. Etwa wenn Simon zugibt, dass ihn die Unzuverlässigkeit des Jüngeren gelegentlich nervt. Und der Drachensurfer gesteht, dass ihm Simon manchmal zu leistungsorientiert sei – während es ihm mehr auf den Spaß im Leben ankomme. Ja, doch, da gebe es wohl charakterliche Unterschiede. Simon nickt. In diesem Punkt herrscht wieder Einigkeit.

War das eigentlich schon früh absehbar, dass sich die beiden einmal so unterschiedlich entwickeln würden? Nicht als Kinder. Wenn überhaupt, dann zeichnete sich im Sport und auch erst in der Jugend etwas ab. Benjamin war eindeutig der begabtere Fußballer, der ohne viel Mühe glänzen konnte. Daraufhin entwickelte Simon den Ehrgeiz, durch größere Disziplin gleichzuziehen. Aber ob sich darin wirklich verschiedene Lebenswege ankündigten? Simon ist skeptisch: „Wahrscheinlich war es einfach so, dass wir irgendwann verschiedene Abzweigungen genommen haben, was uns dann erst im Nachhinein unterschiedlich geprägt hat.“ Weshalb sie heute unter anderem sehr unterschiedlich mit Risiko umgehen. Aber der Reihe nach.

Versicherung - ja oder nein?

Auch Benjamin beschritt zunächst eine ganz solide Laufbahn, als er sich für eine Ausbildung in einer Reederei in Hamburg entschied. Nach drei Jahren und mit dem Abschluss als Schifffahrtskaufmann in der Tasche gönnte er sich dann erst mal ein Jahr Australien: surfen lernen, Gelegenheitsjobs auf Fischtrawlern übernehmen, Party machen. Witterung aufnehmen mit der großen Freiheit. Er kehrte nach Deutschland zurück, nahm eine Stelle an und arbeitete für ein paar Jahre in seinem Beruf. Begeisterung mochte aber nicht mehr so recht aufkommen. „Ehrlich gesagt hat mich die Australien-Erfahrung für den klassischen Weg mit Beruf, Familie und der ganzen Verantwortung erst mal verdorben“, sagt der Jüngere. „Seit Australien war der Virus der Freiheit in meinem Körper.“ Als sein damaliger Arbeitgeber Stellen abbaute und ihm eine gute Abfindung anbot, brach das Fieber aus. Benjamin packte seine Surfausrüstung zusammen und saß im nächsten Flieger nach Kapstadt. Da war sie, die besagte Abzweigung in ein völlig anderes Leben, die er mit quietschenden Reifen nahm: Über ein Jahr lang kurvte der junge Mann mit einem Jeep über die Staubpisten Afrikas.

„Es ist ja nicht so, als würde ich nicht auch die Freiheit lieben“, gibt sein Bruder zu. „Aber wenn man sich erst mal für einen Weg entscheidet, wie ich damals fürs Medizinstudium, dann fördert das nun mal bestimmte Charakterzüge an dir.“ Um zunächst als Chirurg in einer angesehenen Klinik arbeiten zu können, musste Simon zwangsläufig leistungsorientiert werden, zu einem Typen, der seine Sache durchzieht. Was ihn jedoch mehr prägte, war seine Erfahrung als Unfallchirurg. Hier bekam er vor Augen geführt, wie hart es einen treffen kann – wie leicht Menschen durch einen Unfall lebensunfähig werden oder das Leben sogar verlieren. Er sah jeden Tag aufs Neue, was für ein hohes Gut körperliche Unversehrtheit ist. „Diese Erfahrung hat mich schon sehr für Risiken sensibilisiert“, erinnert sich Simon A., der sich nach mehr als einem Jahrzehnt an der Klinik mittlerweile als Plastischer Chirurg auf dem Berliner Ku’damm niedergelassen hat. „Ich diszipliniere mich seitdem unheimlich, immer hoch konzentriert zu bleiben. Das Wesen des Verunglückens ist es ja, dass man für Bruchteile einer Sekunde nicht bei der Sache ist.“

Man kann nicht alles in Watte packen

Simon ist überzeugt: Risiken gehören zum Leben, man kann nicht alles in Watte packen. Dann würde es auch langweilig werden. Aber man sollte bewusst mit Gefahren umgehen. Und was bedeutet das für das Thema Versicherung? „Ich würde mich jetzt auch nicht wahllos mit allen möglichen Policen eindecken“, sagt der Arzt. „Aber ich denke, jeder ist gut beraten, sich in Ruhe zu überlegen, welche Risiken er hat und welche er versichern will. Wobei man immer bedenken sollte, dass einen die Versicherung nicht vor dem Schaden selbst bewahren kann.“

Er selbst hat zum Beispiel noch keine Unfallversicherung – obwohl er in der Klinik oft genug gesehen hat, „wie Versicherungen einem helfen können, einen Schaden deutlich abzufedern“, sagt der Chirurg. „Im Krankenhaus musste ich mich ja permanent damit auseinandersetzen, wie wichtig es für Leute mit schweren Verletzungen ist, dass ihr Haus behindertengerecht umgebaut werden kann und dass ihre Angehörigen weiter versorgt sind, auch wenn sie als Versorger ausfallen. Da beginnt man einfach, sich über den eigenen Schutz Gedanken zu machen.“

Als der Elefant näher kam

„Das ist natürlich was ganz anderes, wenn man wie Simon Familie hat“, sagt sein Bruder Benjamin – und kann sich ein Lachen nicht verkneifen: „Bei mir geht es schon damit los, dass ich gar nicht so genau weiß, welche Versicherungen ich eigentlich habe. Ich glaube, ich habe nur meine gesetzliche Krankenversicherung, aber selbst die brauche ich ja kaum.“ Wenn einem im Busch in Simbabwe wirklich mal etwas zustoße, müsse man im Krankenhaus sowieso Dollar auf den Tresen legen. Über Versicherungen kann Benjamin folglich nicht groß mitreden. Dafür aber, wenn es um Gefahrensituationen geht.
Dann gerät er beinahe ins Schwärmen: Wie er mal zusammen mit einem Einheimischen im südafrikanischen Fishhoek gesurft ist, obwohl ein paar Hundert Meter vor der Küste ein weißer Hai eine Robbe jagte. Wie er mal mitten in der Savanne stecken geblieben ist und einen Reifen freischaufeln musste, während das Tröten der Elefanten näher kam. Oder das schmerzhafte Erlebnis, mit dem Drachen von einer Böe einige Hundert Meter über den Strand geschleift zu werden. „Von Sicherheit fühle ich mich tendenziell eingeengt, ich mache mir da wenig Gedanken“, sagt Benjamin.

Das erledigt sein Bruder Simon für ihn mit: „Ich überlege mir durchaus, wie ich Benni im Notfall mit absichern kann.“ Für den dreifachen Vater ist und bleibt die Familie das wichtigste soziale Netz. Das betont er immer wieder. Aber ist er nicht manchmal neidisch auf Benjamins Freiheit? „Ich glaube, dass ich so gar nicht mehr leben könnte“, meint der Arzt, und Bruder Benjamin kann ihn darin nur bestärken: „Sicher, ich mache immer, was ich will. Aber Simon hat ja auch seine Ziele und setzt die um. Ich denke, jeder sollte versuchen, glücklich zu sein. Und mit sich selbst im Reinen. Das ist das Allerwichtigste.“


So versichert sind die ungleichen Brüder

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