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Isabella.

Müssen Kinder die Pflege ihrer Eltern zahlen?

Reportage: Wenn die Tochter die Mutter pflegen muss.

Etwas verwirrt war ihre Mutter schon länger. Trotzdem trifft es die 47-jährige Bibliothekarin Heike F. ins Mark, als ein Arztbesuch Gewissheit bringt: Demenz. Mit der Zeit baut die Mutter auch körperlich ab, kann sich nicht mehr selber versorgen. Und die Betreuungskosten? Die haben bald alle Ersparnisse der alten Dame verschlungen – fortan muss Heike F. als Tochter für Kosten aufkommen, die anderweitig (z.B. über die gesetzliche Pflegeversicherung) nicht gedeckt sind. Heute ist ihr bewusst, wie hilfreich eine private Vorsorge gewesen wäre.

"Ich bin munter und gesund wie immer. Du und deine Übertreibungen, immer siehst du überall Gespenster." Grete F. bügelte schon seit Längerem alle Gesprächsversuche von Heike F. ab, die immer wieder mit ihrer Mutter über deren Gesundheitszustand reden wollte. Von einem gemeinsamen Arztbesuch wollte die alte Dame erst Recht nichts wissen. Aber für Heike F. hatte es in letzter Zeit so bestimmte Hinweise gegeben, dass da womöglich etwas nicht in Ordnung war mit ihrer Mutter. Die alte Dame war leicht verwirrt und brachte regelmäßig einfachste Dinge durcheinander. Wenn man in ihrer Wohnung im Stuttgarter Heslach kam, roch es oft ungelüftet und die Pflanzen waren verwelkt. Dabei hatte Gete F. ihr Leben lang einen grünen Daumen.

„Ihre Mutter hat Demenz im Anfangsstadium“

Als Heike F. aus einem Kurzurlaub zurückkehrte, erreichte die Sache den Wendepunkt. Ihre Mutter öffnete ihr vergnügt die Tür, aber der Zustand der Wohnung war sichtlich schlimmer geworden. Heike F. sprach ihre Mutter direkt drauf an: „Mama, brauchst Du Hilfe?“ Doch Grete F. ging gar nicht auf das Thema ein und sagte ohne Zusammenhang: „Die Kletterrose in eurem Garten blüht ja wirklich prächtig zurzeit“. Heike F. stutzte: Die Kletterrose gab es seit mehr als einem Jahr nicht mehr. Dann merkte sie, dass ihre Mutter schon wieder verwirrt war. Grete F. glaubte tatsächlich, sich während des Kurzurlaubs der Tochter um deren Wohnung gekümmert zu haben. Nun bestand Heike F. auf einem Arztbesuch. Er brachte die befürchtete Diagnose: „Ihre Mutter hat Demenz im Anfangsstadium.“ 

Von diesem Tag an häuften sich die Ausfälle

Der Krankheitsverlauf beschleunigte sich. Nun, da Frau F. die Diagnose kannte, wurde ihr erst so richtig bewusst, dass es schon vor vielen Jahren erste Anzeichen gegeben hatte. Das Verhältnis von Mutter und Tochter war nie besonders warmherzig, aber auch nie schlecht. Jeder lebte sein Leben, gelegentlich traf man sich am Sonntag zum Kaffeetrinken. Nach dem Tod des Vaters vor einem Jahr waren sich Mutter und Tochter sogar wieder näher gekommen. "Da merkte ich erst, wie ähnlich wir uns im Grunde in vielem doch sind", erzählt die Tochter lächeln.

Heike F. musste nun täglich bei ihrer Mutter nach dem Rechten sehen

Und für den nächsten Tag vorkochen. Abends fiel sie erschöpft ins Bett.  Manchmal waren die Verwirrungen der Mutter ulkig, oft und besonders nach einem harten Arbeitstag aber einfach nur anstrengend. Als Heike F. nach einem Fahrradunfall ein großes Pflaster über der Stirn trug, fragte ihre Mutter innerhalb einer Stunde fünfmal besorgt, was denn passiert sei. Jedes Gespräch wurde zum Blindflug. Man konnte nie wissen, in welcher Zeit oder an welchem Ort sich Grete F. gerade im Geiste befand. Als Einzelkind musste Heike F. alle Entscheidungen für ihre Mutter alleine treffen, sich um ihre Finanzen kümmern und den Schriftverkehr mit den Behörden regeln. 

"Ich will, dass es ihr gut geht."

Ein brutaler Rollentausch

"Meine energievolle, selbständige Mutter war plötzlich hilfloser als ein Kind." Heute könnte Heike F. bei beginnender Demenz wenigstens schon die sogenannte "Pflegestufe 0" für ihre Mutter beantragen, die Anfang 2013 eingeführt wurde und Betreuungskosten zumindest teilweise erstattet, wenn Menschen in ihrer Alltagskompetenz erheblich eingeschränkt sind. Doch diese Möglichkeit bestand noch nicht. Heike F. konnte erst Hilfe beantragen, als die Mutter auch körperlich so stark abbaute, dass sie bei körperlichen Verrichtungen wie der Körperpflege nicht mehr ohne fremde Hilfe auskam - und die Betreuung für die berufstätige Frau beim besten Willen nicht mehr allein zu bewältigen war.

Die Mutter wurde von der Pflegekasse auf Pflegestufe I eingestuft

Somit Grete F. Leistungen in Höhe von 665 EUR pro Monat. "Ich bin froh, Pflegestufe I für meinte Mutter zugewiesen bekommen zu haben: Trotzdem sind das nur drei Stunden Pflegedienst pro Tag", rechnet die Tochter vor. "Es bleibt das Problem, wer auf meine verwirrte Mutter tagsüber aufpassen soll, während ich arbeite und nicht bei ihr sein kann." Einmal ließ Mutter Grete in ihrer Verwirrung von einem Delikatessengeschäft für 300 EUR Fisch anliefern. Dem Händler erklärte sie, das sei für die Hochzeit ihrer Tochter. Mit der Zeit bekam sie Angstzustände, die in Wellen kamen und gingen. In diesen Momenten zitterte und schrie die Mutter. In ihrer Welt war dann irgendein schreckliches Unheil geschehen, und sie ließ sich kaum beruhigen.

Heike F. organisierte einen Pflegedienst,

der morgens das Frühstück für die Mutter anlieferte und bei den wichtigsten Erledigungen half. Das Frühstück nahm Grete F. nicht immer an und schimpfte oft über die fremden Leute, die neuerdings in ihre Wohnung eindrangen. Für die Betreuung tagsüber hat Heike F. inzwischen zusätzlich eine Krankenschwester engagiert. Abends und am Wochenende kümmert sie sich meist selbst um sie. Manchmal kostet es allein eine Stunde, das versteckte künstliche Gebiss der Mutter oder die verlegten Wohnungsschlüssel wiederzufinden. Freizeit hat die Bibliothekarin kaum noch: Ihre Ehe leidet, die Freundschaften sowieso.

Fortan muss Heike F. die Betreuungskosten selbst tragen

Pro Monat kostet die Betreuung der Mutter mehr als 800 EUR. Die gesetzliche Pflegeversicherung zahlt davon nur 665 EUR. In sieben Jahren hat die Betreuung knapp 16.500 EUR verschlungen. Das war genau das Vermögen von Grete F. - alles, was sie und ihr Mann ein Leben lang hart gespart hatten für ihre Tochter.
Fortan muss Heike F. die Betreuungskosten selbst zahlen. Immerhin sind das knapp 200 EUR im Monat. "Von meinem Einkommen als Bibliothekarin ist das ganz schön hart, da bleibt nichts für eigene Wünsche übrig." Aber ihre Mutter in ein Heim zu stecken, kommt für die Tochter auch nicht infrage. "Wer wird sich dort den ganzen Tag mit ihr beschäftigen? Ich will nicht, dass sie ruhiggestellt wird. Ich will, dass es ihr gut geht."

Wer zahlt eigentlich, wenn der Pflegebedürftige nicht ausreichend vorgesorgt hat?

> Müssen Kinder für ihre Eltern aufkommen?

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