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Jennifer

Und was, wenn es später noch mal so richtig lustig wird? - Kolumne

Altersvorsorge, machen wir uns nichts vor, ist so spießig wie ein Zierbrunnen im Vorgarten. Andererseits gehört es zum guten Umgang mit sich selbst, auch finanziell in die eigene Zukunft zu investieren, meint unsere Kolumnistin, die Schriftstellerin Ildikó von Kürthy. Sie rät deshalb nicht nur zum Zähneputzen, sondern auch zum Sparen.

Es ist spät, und du hast keine Lust mehr. Dein Mann hat gerade eine weitere Flasche Wein aufgemacht, was du ihm wirklich übel nimmst, und obschon du bereits mehrfach offensiv gegähnt hast, macht keiner der Gäste auch nur die leisesten Anstalten, zu gehen. Das lässt sich leicht ändern. Mit einem einzigen Satz. Mit einem einzigen Wort genau genommen kann man jedes fröhliche Beisammensein einem abrupten Ende zuführen. Noch nie sah ich so vielen Menschen gleichzeitig einfallen, dass sie morgen früh rausmüssen, wie in den Sekunden, nachdem ich betont munter in die Runde gefragt hatte: „Wie haltet Ihr es denn eigentlich mit der Altersvorsorge?“ Keine dreizehn Minuten später lag ich zufrieden im Bett, die angenehme Atmosphäre des Abends hatte ich effektiv und nachhaltig versaut. In dem zuverlässigen Stimmungstöter-Begriff „Altersvorsorge“ verbinden sich zwei widerliche Teile zu einem grauenvollen Ganzen: „Vorsorge“ ist das, was ich im Zweifelsfall mal wieder vergessen habe, und „Alter“ ist das, woran ich nicht erinnert werden möchte.

Kein Grund für trübe Prognosen

Wobei ich, nebenbei bemerkt, jetzt ja schon viel älter bin, als ich jemals werden wollte. Im Frühling meiner Existenz hielt ich ein Leben jenseits der vierzig für nicht lebenswert. Mittlerweile sind mir Frauen bekannt, die mit über sechzig den besten *** ihres Lebens haben. Ich bin also vorsichtig geworden, was trübe Prognosen, mein eigenes Alter betreffend, anbelangt. Es könnte später noch mal unerwartet so richtig lustig werden. Dann nämlich, wenn du Abschied genommen hast von lästigen Hoffnungen, hinderlichen Illusionen und übertriebenen Erwartungen. Wenn du nicht mehr daran glaubst, dass du im Schlaf schlank werden kannst, und akzeptierst, dass dein Bindegewebe mit dir in Rente geht. Und genau dann, wenn man sich eigentlich gemütlich und Cognac schwenkend zurücklehnen könnte, kommt diese unfassbar uncoole, lästige Sache ins Spiel: Altersvorsorge. Es stimmt zwar, dass die besten Dinge im Leben umsonst sind. Aber die zweitbesten Dinge – Cognac zum Beispiel – kosten Geld. Und darum muss man sich beizeiten kümmern.

Genug zu tun im Hier und Jetzt

Mist. Als hätte man in der Gegenwart nicht schon genug an der Hacke: Kinder und Ehemänner regelmäßig loben, Geld verdienen und Fett verbrennen, aktuelle Nachrichtenlage im Auge behalten und jung und dynamisch bleiben. Da soll man sich nebenbei auch noch freiwillig mit einer Zeit beschäftigen, in der man aussehen wird wie ein Tabakbeutel, vermutlich das Kleingedruckte nicht mehr lesen kann und die, das hat Zukunft nun mal so an sich, total ungewiss ist? Hässliche Pappaufsteller in Banken und auf Postämtern erinnern uns mahnend daran, wie schwer die Zukunft werden kann, wenn man sie in der Gegenwart zu leicht nimmt. Das sind Spaßverderber, die uns auf Schritt und Tritt zuraunen: jetzt sparen – später leben! Heute hungern – aber dafür morgen die beste Magensonde! Kinder, denkt an eure Zukunft – auch wenn ihr euch dadurch die Gegenwart komplett vermiest! Wahr ist, dass sich nur alte Menschen fürs Altsein interessieren. So wie sich nur Schwangere für Ultraschallbilder von Embryonen und nur Teenager für Justin Bieber interessieren.

Altersvorsorge, machen wir uns nichts vor, das ist, als würde ich jetzt schon in einem Sarg Probe liegen. Ein jüdisches Sprichwort sagt: „Wenn du den lieben Gott zum Lachen bringen willst, dann mach Zukunftspläne!“ Mittlerweile denke ich aber immer öfter: Es stört mich eigentlich nicht, wenn der liebe Gott über mich lacht, er meint es ja sicher nicht böse. Was mich mehr stört, ist eine Zukunft, für die ich nicht die Verantwortung übernehme, vor der ich kindisch die Augen verschließe und von der ich hoffe, dass sie sich schon irgendwie ohne mein Zutun zu meinen Gunsten regeln wird. Altersvorsorge, da kann es keine zwei Meinungen geben, ist so vernünftig wie Sojaschnitzel, so spießig wie ein Zierbrunnen im Vorgarten und so unsexy wie Socken im Bett. Vernunft ist leider immer das Gegenteil von Leidenschaft, Lust und Spaß. Jedoch: Mit Vernunft werden auch Weltkriege verhindert.

Ich klinge wie ein sprechender Pappaufsteller aus der Sparkasse!

„Charakter entsteht durch kurzfristigen Triebverzicht zugunsten langfristiger Ziele.“ Das ist leider nicht von mir. Aber ich finde, ich bin langsam alt genug für ein paar langfristige Ziele und wohldosierte Vernunft in meinem Leben. Ich putze mir ja auch die Zähne, damit ich in 20 Jahren keine verfaulten, stinkenden Stummel im Mund habe. Ich benutze mittlerweile einen hohen Sonnenschutzfaktor und halte mich, zumindest grob, an Geschwindigkeitsbegrenzungen. Aus Achtsamkeit mir selbst gegenüber. Sonnenbrand und Lichthupe sind was für junge Leute.

Meine Güte, ich klinge wie ein sprechender Pappaufsteller aus der Sparkasse! So weit ist es gekommen. Um es klar und schonungslos zu sagen: Die Kohle, die man später mal haben will, kann man heute nicht ausgeben. Und je früher man anfängt, einen Teil seines Geldes wie selbstverständlich zur Vorsorge abzuzweigen, desto gemütlicher wird das Polster sein, auf dem man später das greise Haupt betten kann. Ich bin zwar seit jeher eine Niete in Mathe gewesen, aber das leuchtet selbst mir ein.

Investition in mich selbst

Das Allerwichtigste ist aber, in sich selbst zu investieren. Und damit meine ich nicht, in das Facelifting oder die Brustimplantate. Ich spreche vom Beruf, von Beziehungen, von Freunden, Familie, von Herzenswärme, Offenheit, Gelassenheit und Freude an Wesentlichem. Menschen, die sich ihr Leben lang über ihr Aussehen und ihre Außenwirkung definiert haben, empfinden das Altwerden als Generalangriff auf ihren Selbstwert.

Zum Glück habe ich einen Beruf erlernt, bei dem es nicht aufs Aussehen ankommt. Eine gute Altersversicherung, wenn man mich fragt. Irgendwie, und ich sage das ungern, gehört es zum Erwachsenwerden, das eigene Schicksal nicht gänzlich dem Schicksal zu überlassen. Und einen guten Mittelweg zu finden zwischen der Lust am Leben heute und dem liebevollen Umgang mit dem Menschen, der du einmal sein wirst. In diesem Sinne: Bring den lieben Gott zum Lachen!

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